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Das Urlied der Natur @ 1 January 2007 11:34 AM
Zu Unrecht glauben einige, dass es auf der Welt kaum noch Orte gibt, wo nicht der Mensch, sondern die Natur der Hauptherrscher ist. Nur hundert Kilometer von Minsk entfernt liegt ein absolutes Naturschutzgebiet, wo dichter Wald durch Sümpfe und Flussauen abgelöst wird, wo sich im nebligen Blau durch Gletscher gebildete Hügel erheben, wo Glasperlen-Seen in der Sonne glitzern und wo der alte Fluss Berezina mehrmals seine Richtung ändernd fließt. Auf dem Waldweg trifft man hier Wildschweine oder den Braunbären, und im Taiga-Gebüsch stößt man auf belarussische Orchideen — den Frauenschuh (Cypripedium Calceolus) und den Kopfständel (Cephalanthera). Sie werden hier aber keine Blumen sammeln dürfen. Und keinen Baum fällen, geschweige denn einen Feuer anzünden… Im Naturschutzgebiet Berezinskij Zapovednik (Gesamtfläche 85 Tausend Ha) darf der Mensch nur beobachten. Der Eingriff in die Naturprozesse ist verboten.

Das grüne Meer
der Taiga

Vor etwa 80 Jahren lag der Hauptwert dieser Gegend, die heute eine Perle des Naturerbes Europas genannt wird, bei den Biebersiedlungen. Gerade damit diese damals seltene Tierart in Belarus nicht verschwindet, wurde 1925 der Naturpark Berezinskij Zapovednik gegründet, einer der ersten in der ehemaligen UdSSR. Nach 15 Jahren verbreiteten sich die Biebersiedlungen nicht nur entlang der Berezina, sondern auch in ganz Belarus. Und dem Naturpark, der seine Aufgabe unter den ersten in der Sowjetunion erfüllt hat, wurde der Status eines Biosphärennaturparks verliehen. So wurde der Naturpark damit beauftragt, die sich hier gebildete biologische Vielfalt zu erhalten.
— Jeder Biosphärennaturpark der Welt ist ein einzigartiges Ökologiesystem, betont der stellvertretende Forschungsdirektor des Naturparks Berezinskij Zapovednik Valerij Iwkowitsch, indem wir uns durch einen engen ökologischen Pfad, der durch einen dichten dunklen Kiefernwald führt, zu einem 12-meter hohen Aussichtsturm zwängen. Da erwartet uns eine atemberaubende Aussicht auf das Moorland und den anschließenden Wald. — Sie sind alle verschieden: Taiga, Wald, Steppe, Berge. Berezinskij Zapovednik gehört zu der Südtaigazone und besitzt auch entsprechende Charakteristiken. Im Unterschied aber zum ähnlichen Zentralwaldnaturpark (Gebiet Twer), haben wir hier sehr viele Sümpfe — 43 Tausend Ha. In Westeuropa findet man keinen ähnlichen Park, der die gleiche Pflanzenartvielfalt, die ihre ursprüngliche Form erhalten hat, oder die 7-meter tiefe Torfschicht hat. Gerade Sümpfe locken so viele Wissenschaftler und Touristen aus Deutschland, England, Frankreich, Polen, den Niederlanden und anderen Staaten an.
Vom Aussichtsturm, der neulich im Auftrag und auf Kosten des Naturministeriums gebaut wurde, scheint der Sphagnumsumpf ein farbiges Bild zu sein. Der rote Moosbeerenteppich unter buntem Moos, Riedgras und Schilf, hundert Jahre alte Zwergkiefer nicht höher als 2,5–3 m, berauschender Duft des wilden Rosmarins und die sausende Urstille. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein…
Auf dem Logo des Naturschutzparks Berezinskij, sieht man die Sümpfe trotz ihres hohen prozentualen Anteils (60%) nicht. Zum Symbol dieses Territoriums ist der Braunbär geworden, im Hintergrund sieht man Kiefern und Weiden an den Flussufern. Im Berezinskij befindet sich die größte (in Belarus) Bärenpopulation in Belarus — etwa 30 Tiere. Der häufigste Baum hier ist die Kiefer. Für die Weltgemeinschaft sind aber natürlich seltene Flora- und Faunaarten, die in das Rote Buch aufgenommen sind, von besonderem Interesse. Davon gibt es im Naturpark etwa 100 Exemplare: 58 Vogelarten, 9 Säugetierarten, 38 Pflanzenarten. Ausländische Experten und Ökotouristen kommen hierher um den Luchs, den Bären, den Dachs, Fledermäuse, den Wisenten, den schwarzen Storch, den Steinadler zu beobachten. Etwas Besonderes sind natürlich balzende Auerhähne und Birkhähne. Die Erinnerungen werden unvergeßlich sein. Nach den Angaben der Experten hat die Anzahl der Tiere im Naturschutzpark ihren optimalen Wert erreicht. “Um das Tier live beobachten zu können, muss man oft um 4–5 Uhr morgens aufstehen, sich durch Dickichte und Sümpfe kämpfen, jedoch sind die Ausländer bereit für diese Möglichkeiten einiges aufzuopfern, erzählt Valerij Iwkowitsch. — Denn in Westeuropa trifft man viele Bewohner unseres Parks nicht mehr. Jetzt ist unsere Hauptaufgabe, die Aufnahme in die Liste des Welterbes der UNESCO zu erreichen. Es wurden schon einige Schritte in diese Richtung gemacht. Vor 11 Jahren bekam der Naturschutzpark Berezinskij als erster unter den Naturparks Belarus’ das Spezialdiplom Europas. Diese hohe Auszeichnung bestätigte er letztes Jahr zum dritten Mal für die kommenden fünf Jahre”.

Die letzten Mohikaner

Die Chronik der Natur, die im Naturpark schon seit 40 Jahren geführt wird, spiegelt alle Veränderungen wieder, die in der hiesigen Flora und Fauna passieren. Im 37. Band, an dem gerade die Wissenschaftler arbeiten, findet man z.B. die Informationen über die Temperaturerhöhung auf 1–3 Grad im Winter, über den “Gesundheitszustand” der Fichten nach dem Borkenkäferbefall, über den Rückgang der Tier- oder Vogelarten. Eine richtige Datenschatztruhe bildet das Naturmuseum, das hier vor über 20 Jahren gegründet wurde. Das Museum wird von allen Besuchern des Naturparks sehr gerne besucht. Panoramabilder, die kaum erreichbare Ecken des Naturschutzparks zeigen, ausgestopfte Tiere, aufgenommene Vogelstimmen machen einen unauflöslichen Eindruck sowie auf Kinder als auch auf Erwachsene. Einer der Schöpfer der Museumsexponate, der ehemalige Naturparkdirektor, der berühmte Ausstopfer Anton Chatsewitsch wohnt auch heute in diesem Gebiet. In das kleine Dorf Kwetscha, das nicht weit von Sergutsch-Kanal, der im 19. Jh. zum Überführen von Holz zwischen dem Schwarzen Meer und der Ostsee diente, liegt, kamen wir erst gegen Abend. Trotz seines hohen Alters, dieses Jahr ist er 91 geworden, macht Anton Terentjewitsch einen munteren Eindruck und kommuniziert gerne mit den Touristen. “Wissen Sie, wie viele Male ich im Walde übernachtet habe, um den Charakter und die Angewohnheiten der Tiere besser kennen zu lernen? Lächelt der Alte. — Unzählig! Deswegen ist meine Gesundheit wohl so stark, da ich so viel Zeit mit der Natur unter vier Augen verbrachte. Und alle, die meine ausgestopften Tiere sahen, wunderten sich — sie sahen richtig echt aus. Sie sind ja bis jetzt der Kern der Ausstellung”.
Anton Chatskewitsch ist einer der wenigen Bewohner des Naturparks Berezinskij. In den 15 Dörfern gibt es weniger als Tausend Einwohner, das sind hauptsächlich Rentner und Forstschützer. Wobei noch vor 30–40 Jahren in dieser Gegend sehr viele Dörfer existierten. Es gab hier Landswirtschaften, Geschäfte. Nach dem Erhalten des Biosphärenstatus hat man angefangen, die Menschen von den Schutzgebieten umzusiedeln. Das Dorf Domsheritsy, das zum Verwaltungszentrum wurde, nahm viele auf, die dort wohnten, wo jetzt die Menschen kaum noch vorbeischauen. Dafür sind in den verwilderten Gärten die Bären, die dort Äpfel naschen, häufige Gäste. Ein solches Dorf — Postreshje –wird oft den Touristen gezeigt, die die Bären in natura sehen wollen.
Und im nicht sonderlich stark bewohnten Dorf Krajtsy, das am Rande der Schutzgebiete liegt, läuft ein normales Dorfleben. Die 76-jährige Sofia Gaiduk, deren Hof wir besucht haben, hat eine Kuh, Schweine, Hühner und Gänse. “Es gibt nichts Besonderes im Leben im Naturschutzpark, nur dass die Luft sauber ist und die Stille überall herrscht, lächelt die Alte. Auch die Natur hier ist sehr gabenreich. Obwohl man nur in den extra ausgewiesenen Gebieten Beeren und Pilze sammeln darf, reicht es auch um den Kindern in die Stadt etwas mitzugeben”.

Nach dem Nebel
und dem Taigaduft

Letztes Jahr kamen 23 Tausend Besucher hierher, darunter etwa 1000 aus dem Ausland — alle wollten die Schönheit des Berezinskij Zapovednik bewundern. “Für den Naturschutzpark, der für solche Massenbesuche nicht gedacht ist, ist es nicht wenig, meint Direktor Wikentij Chmaro. — Tourismus ist für unseren Naturschutzpark im Unterschied zu den Nationalparks nicht erstrangig. Dennoch versuchen wir hier sowohl zu forschen als auch komfortable Erholungsmöglichkeiten zu schaffen”.
Den Reisenden stehen zwei Hotelkomplexe “Sergutsch” im Dorf Domsheritsa und “Plavno” am Seeufer mit dem gleichen Namen zur Verfügung. Der letzte war in den Sowjetzeiten der Lieblingserholungsort der Parteielite. Diese beiden Hotels können gleichzeitig 80 Menschen aufnehmen. Die Preise sind recht günstig. Die Unterkunft in einem Doppelzimmer mit Frühstück in “Sergutsch” wird etwa 15 Dollar kosten, in einem “Luxuszimmer” — etwa 50. Außer den Wanderungen durch Dickichte und Sümpfe, weswegen hierher auch die meisten Touristen kommen, gibt es hier auch andere spannende Sachen. Angeln, Billard, Tennis, Sauna, Tierfreigehege, Ausleihe von Sportinventar, Booten und Katamaranen — das würde sogar den anspruchvollsten Kunden zufrieden stellen.
Für diejenigen, die im Naturschutzpark vor allem an einer Jagdveranstaltung (auf den dafür vorgesehenen Territorien “Barsuki” und “Berezina”) teilnehmen wollen, bietet sich die beste Aufenthaltsmöglichkeit — die Gasthäuser — an. Sie sind günstiger und auch praktischer für solch eine Angelegenheit. In der Küche kann man das gejagte Wild zubereiten und es dann am gemütlichen Kaminfeuer mit den Freunden genießen. Die Pluspunkte sind für jeden Jäger offensichtlich.
Eine der Besonderheiten des Urlaubs im Berezinskij Naturpark ist die Saisonunabhängigkeit. Der Naturschutzpark ist sowohl im Sommer, wenn die Blumen blühen und die Gräser so herrlich duften, als auch im goldenen Herbst und im märchenhaften Winter gleich wunderschön. Manchmal müssen die Touristen ihre Reise hierher einige Monate im Voraus buchen. Man plant aber keinen Bau eines zusätzlichen Hotels. Obwohl an der Entwicklung der Infrastruktur hier ständig gearbeitet wird. In der nächsten Zukunft wird z.B. in Domsheritsy das Haus der ökologischen Aufklärung eröffnet, auf dessen Basis man Konferenzen, Seminare und sonstige Treffen durchführen möchte. Dafür hat man schon das Nötigste: einen Konferenzsaal mit 200 Sitzplätzen, einen Saal für 40 Menschen, eine Bibliothek, eine Ausstellungshalle, ein Cafe, Sammlungssäle. Die Mitarbeiter des Naturschutzparks glauben, dass die Arbeit, die mit der Erholung im Freien kombiniert wir, ein Maximaleffekt bringen sollte. Und jedes Jahr können sie sich davon überzeugen, indem sie hier Wissenschaftler, Experten und Touristen empfangen. Und es ist kein Wunder, dass sie mehrmals hierher kommen. Jeder, der nur einmal die Heilkraft dieser halbwilden Dickichte und der Seen gespürt hat, wird ganz bestimmt noch mal kommen. Anders läuft es hier nicht.

Lilija Tswetkowa